„Coltan ist keine Zahncreme“ - Digitalisierung und der Krieg gegen die Frauen im Kongo

Worum geht es?

Die demokratische Republik Kongo, im Zentrum Afrikas, nördlich und südlich des Äquators, ist schlichtweg riesengroß. Die Fläche von 2,34 Mio km2 entspricht gut dem 6,5 fachen der Fläche Deutschlands. Auf Europa +übertragen wäre dies ein Gebiet von Irland bis Ungarn einschließlich Dänemark, dem Baltikum und Italien. 

Auf diesem riesigen Gebiet leben gut 90 Mio. Menschen. Die genaue Zahl kann zur Zeit nicht ermittelt werden. Viele Geburten werden nicht behördlich erfasst, ebenso wenig die Todesfälle. Schätzungen der Bevölkerungszahl schwanken zwischen 80 und 115 Millionen, davon leben etwa 12 Mio in der Hauptstadt Kinshasa, weitere 10 Mio Menschen in wenigen Großstädten. Die meisten dieser Städte sind weder „organisch“ gewachsen, noch städteplanerisch konstruiert. Es handelt sich um Agglomerationen von Hochhäusern, Häusern und vor allem einfachsten Hätten mit z.T. fehlender Infrastruktur. Zusätzlich gibt es riesige Flüchtlingslager mit einer Belegung im fünfstelligen Bereich.

 

Das eigentliche riesige „Land“ ist somit mit 68 Mio Menschen relativ dünn besiedelt. Die Menschen gehören zu etwa 200 ethnischen Gruppen mit z.T. ähnlichen, z.T. völlig unterschiedlichen Kulturen. 

Die ethnische Zuordnung erfolgte vielfach völlig willkürlich während der Kolonialzeit. 

Neben der Amtssprache Französisch gibt es vier weitere offizielle Sprachen: Lingala, Kingwana, Kikongo, Tshiluba.

Etwa die Hälfte der Bevölkerung ist katholisch. 20% gehören zu einer protestantischen Glaubensgemeinschaft, 10% dem Islam, 10% sind Kimbanguisten und 10% gelten als Anhänger indigener Religionen.

Regenwald, Vulkane, Flüsse und Steppe sind typisch für das Landschaftsbild. 60% der Fläche ist von tropischem Regenwald bedeckt. Damit ist dieser Teil des Landes für das Weltklima von ähnlich großer Bedeutung wie die Amazonas-Gebiete. 

&Überschwemmungen und Vulkanausbrüche führen regelmäßig zu zahlreichen Todesfällen und zur Verelendung der Bevölkerung.

Das Straßennetz hat offiziell eine Länge von 150.000 km. Davon sind 3.000 km asphaltiert, d.h. wetterunabhängig befahrbar. Die restlichen Straßen werden kaum gewartet und gelten als extrem unsicher. Verkehrsunfälle gehören zu den häufigsten Todesursachen im Land.

 

Völlig verschieden ist auch die Vergangenheit der einzelnen Teile des Landes. Die „Geschichte der Demokratischen Republik Kongo“ ist relativ kurz. Interessanter ist die Geschichte der einzelnen Regionen, die zur Demokratischen Republik Kongo gehören. Der historische Aspekt ist genauso komplex wie die Gegenwart.

Für die gegenwärtige Situation haben folgende Ereignisse eine Bedeutung: Das heutige Staatsgebiet der östlichen Provinzen war seit vielen Jahrhunderten verbunden mit den heutigen Staaten Ruanda, Burundi, Uganda, dem Südsudan und Tansania. Seit über einem Jahrtausend war es „Jagdgebiet“ arabischer Menschenhändler, die ihre Sklaven in die gesamte arabische Welt bis nach Indien als Militär-, Haus- und/oder SexsklavInnen verkauften. Die Herrscher, häufig arabische „Sultane“ oder lokale Stammesfürsten, die sich mit der arabischen Schicht arrangiert hatten, übten ein mehr oder weniger grausames Regiment aus. Die Rekrutierung der Sklavinnen und Sklaven war auf jeden Fall grausam. 

Im westlichen Teil des heutigen Staates gab es im Kongobecken ein hochdifferenziertes

Königreich, das bis in das heutige Angola reichte. Es wurde von den Portugiesen

„entdeckt“, der Hofstaat erfolgreich missioniert und im folgenden 16.Jahrhundert brutal von portugiesischen Sklavenhändlern entvölkert. Nur wenige Sklaven kamen tatsächlich nach Lissabon bzw. Portugal. In der Regel war dies nur die Zwischenstation auf dem Weg in die „Neue Welt“. Trotz dieser Grausamkeiten hielten sich die Missionsstationen und noch heute ist etwa die Hälfte der kongolesischen Bevölkerung katholisch.

 

Eine erste Einführung in die Geschichte unter Leopold II von Belgien wie auch die Entwicklung im 19., 20. und 21. Jahrhundert findet sich bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Demokratischen_Republik_Kongo.

 

Voluminös, teuer, aber fast unerträglich spannend zu lesen:

Adam Hochschild: Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechens; Verlag Klett Cotta.

Und mit dem Schwerpunkt auf der jüngeren  Geschichte:

David van Reybrouck: Kongo: Eine Geschichte; Suhrkamp, 2010.

Factsheet1.pdf
Adobe Acrobat Dokument 124.7 KB

Schatzkammer für unseren digitalen Träume

Unsere digitale Welt braucht unvorstellbar viele Rohstoffe:

Kobalt, Zinn zum Löten der Platinen, Gold, Kupfer, Wolfram (Tungsten), Wismut und - Coltan.

Coltan ist ein Mineral, das sich aus Columbit (Niob) und Tantalit zusammensetzt.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde es in Australien, Kanada, den USA, Brasilien und auch China gewonnen. Die Minen in Australien und Nordamerika sind inzwischen weitgehend geschlossen - wegen fehlender Rentabilität. Ganz klar - die unmenschlichen Zustände im Ostkongo sind mit weniger Unkosten verbunden als die Arbeit in kontrollierten, vielleicht sogar gewerkschaftlich organisierten Minen der „westlichen“ Welt.

Während einige der oben genannten Stoffe in großen Bergwerken unter enormem technischen Aufwand abgebaut werden, finden sich andere, wie z.B. Coltan relativ nah an der Oberfläche. Man gewinnt sie durch „artisanal mining“. „Artisanal“ bedeutet soviel wie „handwerklich“ und hat nicht zuletzt durch Fernsehwerbung eine fast romantische Note bekommen. Die liebevoll von Hand hergestellte Praline, „echte Handarbeit“ bei Accessoires, das hebt den Wert des Produkts. 

„Artisanal Mining“ ist jedoch alles andere als romantisch: es bedeutet die Arbeit in

Kleinstbergwerken oder direkt im Tagebau, mit den Händen, den Fingern, die Füße, Beine, den Unterkörper im Schlamm, in unerträglicher Hitze oder tropischem Regen. Es arbeiten nicht nur Männer, sondern Frauen, schwanger oder nicht, und immer wieder Kinder.

Factsheet2.pdf
Adobe Acrobat Dokument 159.6 KB

Wege zum Coltan

Wie kommt man an das Land, auf dem Coltan gewonnen wird?

  • Man kann es kaufen. Ob dieser Prozess legal ist, ist die eine Frage. Vieles ist juristisch legal, erweist sich aber als unfair, weil unerfahrene Vertragsparteien die Tragweite des Deals nicht einschätzen können. Ist der Prozess also nicht nur legal, sondern auch fair?
  • Man kann es erobern. Im Ostkongo ein sehr beliebter Weg der Landgewinnung.
  • Garantiert nicht fair. Aber der Besitz von Territorien an sich signalisiert Macht. Die Eroberung führt direkt zum Ziel der Coltangewinnung oder indirekt, indem Dörfer abgebrannt werden, das Land brach liegt und später zur Mine umgebaut oder als Kakao- oder Kaffeeplantage genutzt wird. Irgendwie kann man aus Land immer Kapital schlagen.

Wie kommt man an das Mineral Coltan?

  • Man baut Minen. Dazu gehört bei Coltan nicht viel Aufwand. Land wird gerodet. Wenn es sich um Regenwald handelt, ist das ein Vorgang, der die Welt verändert: der afrikanische Regenwald (zu 60% in der demokratischen Republik Kongo) ist nach dem Amazonas-Gebiet der zweitgrößte der Welt und klimatisch unersetzlich. Die klimatische Aspekt interessiert zunächst keinen.
  • Beim Abbau wird das Mineral durch Wasser und Siebe vom Erdreich getrennt. 
  • Das Erdreich wird durch Schaufeln oder mit der Hand gewonnen. Für eine Handvoll Coltanmineral wird etwa 1 Kubikmeter Erde mit Wasser gesiebt. Der Wasserverbrauch ist enorm, die Erde anschließend nicht mehr landwirtschaftlich nutzbar. 

Wen oder was braucht man zur Coltangewinnung? Menschen, die es abbauen. 

  • Menschen, die sich „frei“ entschieden haben, hier zu arbeiten. Die vorher nichts oder so wenig verdienten, dass die in den Minen gezahlten Löhne lohnend erscheinen. Menschen, die bereit sind, dafür ihre arme, aber funktionierende Dorfinfrastruktur zu verlassen.
  • Die zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass die Lohnerhöhung durch Preise für elende Unterbringung und den Kauf überteuerter Lebensmittel schnell zunichte gemacht wird. Männer werden später ihre Frauen nachholen, damit auch diese in den Minen Geld verdienen und damit überleben. Zum Überleben müssen auch die Kinder beitragen. Werden sie verscheucht, tauchen sie am nächsten Tag wieder auf, verdienen wieder etwas - für ein paar Tage Leben mehr.
  • Menschen, die gezwungen werden, hier zu arbeiten. Sie wurden häufig während der territorialen Eroberungen gekidnappt und haben keine Alternative. Zu ihnen gehören Männer, Frauen, Kinder - häufig auch Kindersoldaten, während sie auf den nächsten Kampfeinsatz warten.

Frauen sind in mehrfacher Hinsicht die Leidtragenden:

  • Wenn sie in den Dörfern zurückbleiben, müssen sie die gesamte landwirtschaftliche Arbeit allein machen.
  • Sie sind einem hohen Risiko, überfallen, vergewaltigt und entführt zu werden, ausgesetzt. 
  • Wenn sie in den Minen arbeiten, haben sie kaum Anspruch auf medizinische Versorgung. Sie sind extremen körperlichen Belastungen ausgesetzt. Niemand nimmt darauf Rücksicht, ob sie schwanger sind oder nicht.
  • Wenn sie am Rande der Minenarbeit als Prostituierte arbeiten, sind sie tatsächlich „das Letzte“-hinsichtlich ihrer Bezahlung, ihrer Gesundheit, ihrer Menschenwürde.

Und nach dem Schürfen?

  • Das Mineral kommt zu den lokalen Händlern. „Trau, schau, wem…“. Die einzelnen Bestandteile werden gewichtet und bezahlt. Der einzelne kleine selbständige Minenarbeiter erfährt hier seine Abhängigkeit jedes Mal aufs Neue. Ist die Mine in den Händen von Warlords, dann haben diese  auch ihre speziellen Händler.
  • Der lokale Händler verkauft wiederum an Exportfirmen. Es geht nach Ruanda oder andere afrikanische Länder, über die alten Sklavenwege im Osten zum Indischen Ozean und kommt irgendwann in den großen Hüttenwerken an.
  • Spätestens jetzt ist das Coltan, egal, wo es herkommt, garantiert echt oder gefälscht zertifiziert und „konfliktfrei“. Spätestens hier wird das Tantal, auf das es eigentlich allen ankommt, aus dem Mineral getrennt, pulverisiert - bereit für die schöne, neue, digitale Welt. 
Factsheet03.pdf
Adobe Acrobat Dokument 117.0 KB

Der Krieg gegen die Frauen

Es geht um Rohstoffe.

Es geht um Gier, Geld und Macht mithilfe von Gewalt, von kriegerischen Auseinandersetzungen. Um einen Krieg gegen die Frauen, lange Zeit in seiner gesamten Brutalität nicht wahrgenommen von der Weltöffentlichkeit. Aber Krieg ist von wenigen historischen Ausnahmen Männersache. Und Opfer sind auch in diesem Krieg Männer und natürlich Kinder.

Männer werden bei den Überfällen getötet, verstümmelt, entführt. Sie werden instrumentalisiert, indem man sie zwingt, andere Gefangene, Männer oder Frauen, zu quälen und/oder zu töten. Es gibt keine Fronten, keine Aufmärsche, keine Schlachtfelder. Aber es gibt ein perfides System, es gibt Schlachtpläne, für die die Bezeichnung „Ab-Schlacht-Pläne“ treffender wäre. Bis heute haben diese Pläne ein gemeinsames Muster.

Der „Mapping-Report“ der Vereinten Nationen  https://www.ohchr.org/en/countries/africaregion/pages/rdcprojetmapping.aspx dokumentierte in einer einzigartigen Aktion durch die Befragung von über 1200 Zeugen allein in der Zeit von 1993 bis 2003 fast 617 Fälle von Menschenrechtsverletzungen, in vielen Fällen durch sexuelle Gewalt. Der Bericht wurde 2010 veröffentlicht. Eine strafrechtliche Verfolgung der Täter hat bis heute nicht stattgefunden. Es gab Tausende weiterer Fälle, die im Report nicht berücksichtig werden konnten, weil die Aussagen der Opfer ungenau oder widersprüchlich waren. Auch diese Verwirrungstaktik ist Teil der Strategie der Täter.

Wenn heute an vielen Stellen im Kongo bzw. Ostkongo eine für uns unvorstellbare Verrohung eingetreten ist, wenn Goma, die Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu zeitweise als „Welthauptstadt der Vergewaltigung“ bezeichnet wurde, wenn Opfer ihren Peinigern auf Behörden in zentralen Positionen begegnen müssen, wenn Menschen aus Angst ihre Dörfer verlassen und Millionen von Binnenflüchtlingen hungernd in überfüllten Kirchen oder Zeltlagern vegetieren müssen, dann ist die Straffreiheit („Impunité“) der damaligen Verbrechen ganz sicher eine der Ursachen. 

Factsheet04.pdf
Adobe Acrobat Dokument 127.3 KB

Der Krieg gegen die Frauen

„Vergewaltigung ist billiger als jede Patrone, als Benzin für die Panzertanks, als jede Granate. es ist die billigste Methode, Krieg zu führen.“ Dieses Zitat eines serbischen Soldaten fanden wir in einem Interview der Bild am Sonntag mit Maria von Welser, die nicht nur jahrelang die Sendung „Mona Lisa“ im ZDF moderierte, sondern sich auch als Autorin wichtiger Reportagen profilierte. In ihrem Werk „Wo Frauen nichts wert sind“ berichtet sie unter anderem über Gräuel an Frauen im Kongo.

Die meisten Kriege der Welt und der Weltgeschichte gingen mit der Verletzung der Frauen als Nebenschauplatz des Schlachtfeldes einher. Sie waren Beute sexhungriger Soldaten oder begehrte Trophäe auf dem Sklavenmarkt in der Heimat. Aber in welchem Krieg ging dies über 25 Jahre so? In welchem Krieg wurde sexuelle Gewalt so systematisch angewandt? In welchem Krieg war sexuelle Gewalt so brutal, dass man eher von genitaler Folter sprechen sollte? Die kriegerischen Übergriffe in der Demokratischen Republik Kongo setzen hier traurige neue Maßstäbe. Wurden sie Vorbild für die Truppen des IS, für Boko Haram? Für den Krieg im Tigray oder Unruhen in der Zentralafrikanischen Republik? Für die Opfer ist es ziemlich gleichgültig, wer die strategische Verantwortung trägt. Sie sind für ihr Leben beschädigt.

 

Die folgende Reportage vom Weltmarsch der Frauen berichtet von den Erlebnissen von Frauen aus dem Kivu. Sie stammt aus dem Jahr 2007. Auch wenn die kriegerischen Auseinandersetzungen weniger wurden und die Namen der Milizen ausgetauscht werden können - die Strategien sind die gleichen geblieben:

Entführt, vergewaltigt, geschlagen, getötet, auf der Flucht. Die Hutu-Milizen geben sich nicht damit zufrieden, Land zu besetzen und Mineralien zu fördern, sie greifen die Frauen an, die Säulen der Gesellschaft.

 

Versteckt in einem kleinen Haus mit Mauern aus gestampfter Erden irgendwo in Walungu, spricht Laurence (Name geändert) mit niedergeschlagenen Augen. Eine Frau mit faltigem Gesicht hat ein Baby auf den Knien, von dem sich die anderen Mütter abwenden. „Er wird von der ganzen Welt abgelehnt“ sagt Laurence, „denn man weiß, dass es das Kind einer Vergewaltigung ist, dass sein Vater ein Mörder war“. Sie selbst wird „sida“ genannt, „Hure der Interhahamwe“.

In ihrem Dorf macht man sie für den Tod von 17 Familienmitgliedern verantwortlich, die statt ihrer ermordet wurden, nachdem ihr die Flucht aus dem Urwald nach achtmonatiger Gefangenschaft gelungen war. „Meine Schwester, das Kind meiner Kusine, mein Onkel, seine Frau und seine beiden Kinder, meine Großmutter. Alle wurden an meiner Stelle getötet.“ Laurence zittert unter ihrer roten Wollmütze: „Selbst hier suchen sie mich, sie wollen wissen, wo das Baby ist, sie wollen den Jungen haben.“

 

Der Albtraum begann am 14.April 2006 in Kaniola: „ Plötzlich kamen da gut bewaffnete Typen, sie sprachen Kinyarwanda und trugen irgendwelche Abzeichen. Sie nannten sich Rastas. Mit Gewalt haben sie uns in den Wald verschleppt. In einem Lager mit ungefähr 30 Personen habe ich Mädchen aus dem Dorf erkannt, so 14 Jahre alt und auch Gefangene. Sie haben unsere Anziehsachen verbrannt, die seien verhext und uns rote Jogginganzüge gegeben. Der, der mich aus meinem Haus verschleppt hatte, sagte, dass ich ihm jetzt gehöre. Ich kenne nur einen seiner Nachnamen: Sheranyi, Satan….

Eine meiner Kameradinnen wurde als zu schwarz, zu hässlich beurteilt. Niemand wollte sie haben. Sie wurde auf der Stelle erschossen. Als ich schwanger war, wollte ich nicht mehr. Der Mann hat mir dann einen Verschlag voller Schädel gezeigt und mir versprochen, dass ich da enden würde, wenn ich nicht gehorche.“

Eines Tages setzte Laurence alles auf eine Karte und flüchtete durch den Wald. „In meinem Dorf schrien mich meine Eltern an, ich solle sofort abhauen, sie fürchteten, bestraft zu werden. Ich flüchtete nach Walungu, wo ich von dem Massaker an meiner Familie hörte“.

In einem kleinen Hof, fern ab von der Hauptstraße, sitzen dicht aneinander gepresst rund 30 junge Frauen, viele von ihnen schwanger oder mit einem Säugling. Sie leben wie Laurence in der Angst, wieder von ihren Peinigern eingefangen zu werden. Sie wissen nicht, wohin sie gehen können, denn niemand will sie.

Selbst in Bukavu sind diese Frauen nicht in Sicherheit: In einem Schlafsaal finden wir vier weitere Geflüchtete aus Kaniola. Eine von ihnen hatte sich in die Stadt gewagt und wurde fast von dem Fahrer eines „Moto-Taxis“ getötet, der sie erkannt hatte. „Die Interhahamwe hat Kontaktmänner in der Stadt, häufig auf Moto-Taxis, sie wollen wissen, wo die Kinder sind und wollen die Frauen töten, die sie anzeigen könnten.“

 

Didi (Name geändert) hat solche Angst, dass sie nicht mehr wagt, ihre Schlafstelle zu verlassen. „Nachdem ich in den Wald geflüchtet war, traf ich Militär. Sie haben mich gefangen und verpflichtet zu sagen, wo das Lager war. Nach dem Kampf haben sie mich nach Bukavu gebracht. In der Folge wurden in meinem Dorf 28 Personen getötet. Sie mussten für meinen ‚Verrat‘ bezahlen.“

Kaniola, das Heimatdorf dieser Mädchen, liegt am Ende einer Piste, die in den großen Regenwald in der Nähe des Nationalparks Kauz Biega fährt und der Schlupfwinkel aller bewaffneten Gruppen der Region ist. An der Ausfahrt von Walungu fahren wir am Lager der MONUC (Mission des Nations Unies au Congo, dt. der Vereinten Nationen im Kongo) vorbei, an den weißen Zelten, den Panzern, den pakistanischen Blauhelmen, die wie Außerirdische wirken und hier noch nie wirklich irgendein Leben gerettet haben.

In der Ferne sieht man leere Felder. Die Frauen trauen sich nicht mehr dorthin zu gehen, aus Furcht vor Entführungen.

Immer wieder wird die Stille vom Geknatter kleiner Fahrzeuge unterbrochen, die Mineralien, Casserit und Coltan nach Ruanda bringen. Der Chef des Verbundes, Deogratias Kabila, nimmt sein Schulheft heraus, sorgfältig auf dem Laufenden gehalten. Im Jahr 2004 zählte er 236 verbrannte Häuser, 227 getötete Dorfbewohner, 2000 Fälle vergewaltigter oder als Haus- oder Sexsklaven entführter Frauen. Seit damals hat sich die Zahl der Getöteten auf 617 erhöht. Hunderte dieser Frauen finden sich im Hospital in Panzi wieder. Ihr Genitalbereich zerstört, inkontent, in der Hoffnung auf eine Operation.

Godelieve, 34 Jahre, wurde nach der Vergewaltigung ins Feuer geworfen. Die Finger der einen Hand sind durch die Verbrennungen zersplittert, der andere Arm musste amputiert werden. Ihr Ehemann hat sie verlassen…’Wenn ich operiert bin, nimmt mich mein Mann vielleicht zurück, dank der Geschenke aus Belgien (Privatgeschenke; Päckchen mit Seife, Hygieneartikel, Tücher und Töpfe) werde ich sauber sein und gut riechen’

Ausschnitt aus einem Bericht von Colette Braeckman, Spezialgesandte des RTBF in Walungu, Kaniola und Nzibira (Süd-Kivu, RDC Congo) Dienstag, 25. September 2007 , veröffentlicht im Courrier de la Marche Mondiale des Femmes Nr. 93.

 

Warum ist dieser „alte“ Artikel so aufschlussreich?

Weil sich die Gesamtsituation nicht grundlegend verändert hat. Die Namen der Milizen haben sich geändert. Neue Gruppen sind hinzugekommen. Die Techniken der Kriegsführung sind geblieben. Die Konflikte habe sich zum Teil nach Norden verlagert, was zu einer enormen Zunahme der Binnenflüchtlinge führte. Friedensnobelpreisträger Dr. Denis Mukwege behandelt im Krankenhaus Panzi immer schlimmere Grausamkeiten und immer jüngere Patientinnen bis zu Säuglingen. 

Factsheet5_6.pdf
Adobe Acrobat Dokument 126.5 KB

Wo kommt’s her? Wo geht’s hin? Ist ein Lieferkettengesetz die Lösung?

 

Was ist eine Lieferkette?

Die Darstellung der einzelnen Stationen eines Produktes von seiner Herstellung bis zu seiner Auslieferung. Eine alte Sache in den Wirtschaftswissenschaften.

Warum dann ein Lieferkettengesetz? Weil dadurch die Betriebe nachweisen müssen, dass ihre Produkten unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt werden.

Die Gegenargumente: 

  • es macht unglaublich viel Arbeit;
  • wir können uns nicht um jeden kleinen Zwischenhändler kümmern;
  • es kostet zu viel;
  • es ruiniert den deutschen Mittelstand; hören sich, wenn es um Menschenleben geht, wie blanker Hohn an.

„…Deutschland verkalkuliert sich, indem es in einer Rezession probiert, durch Auflagen für hiesige Unternehmen Menschenrechte in Drittländern zu wahren.“ 

(Dr. Christoph Hoffmann, MdB (FDP) Entwicklungspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion).

Dass es trotzdem geht, beweisen seit Jahren freiwillig mittelständische Familienunternehmen und Firmen wie Trigema, Vaude, Peter Hahn und Mey. „Mit einem Gesetz wollen wir dafür sorgen, dass auch am Anfang der Lieferketten grundlegende Menschenrechtsstandards eingehalten werden, wie das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit. Wir gehen nicht über das hinaus, was die Vereinten Nationen und die OECD ohnehin für Unternehmen vorgeben.“ (Dr. Gerd Müller, MdB (CSU), Bundesminister f. wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung)

Beide Zitate aus https://issuu.com/mattheiswerbeagentur/docs/der_mittelstand_0520-web/s/11078915 Zuletzt aufgerufen am 12.10.21.

 

2021 wurde in Deutschland das Lieferkettengesetz verabschiedet. Die Befürworter betonen, dass dies nur ein kleiner Schritt in die richtige Richtung sei.

Nachdem im „Mapping Report“ zum ersten Mal von offizieller Seite über die grausamen Verbrechen im Ostkongo berichtet worden war, ging ein Aufschrei durch die Welt. In den USA wurde der „DoddFranck-Act“ verabschiedet, der u.a. Firmen verpflichtete, nur noch Rohstoffe aus zertifizierten Bergwerken bzw. Minen zu kaufen.

 

Hat sich die Situation der kongolesischen Bevölkerung seitdem verbessert? Eher nicht. Es sei ein Gesetz für Bergwerke, nicht für das Artisanal Mining. Tausende Minenarbeiter im Ostkongo verloren ihren Lebensunterhalt, den Warlords ging es weiterhin blendend: Sie erschlossen sich weitere Einnahmequellen wie Holz, Cannabis und Palmöl.

Nik Stoop, Marijke Verpoorten and Peter van der Windt.

Offensichtlich sitzen jene Menschen, die um jeden Preis Gesetze umgehen wollen, hier am längeren Hebel. 

 

Wir lernen: Man darf die Lieferkette nicht isoliert betrachten, sondern muss sie im Gesamtgefüge vor Ort sehen, wenn am unteren Ende mit Verbesserungen beginnen will. Eigentlich selbstverständlich! 

Ein ausgezeichnetes Beispiel für den (noch nicht abgeschlossenen) Prozess der

Lieferkettendokumentation veröffentlicht NagerIT, einer Firma, die sich auf die Herstellung der „Fairen Maus“ spezialisiert hat: https://www.nager-it.de/maus/lieferkette

Factsheet8.pdf
Adobe Acrobat Dokument 507.9 KB

Hoffnungsinitiativen

Doch es gibt sie tatsächlich: Inseln des Muts, der Tatkraft und Hartnäckigkeit in einem Meer von Chaos, Korruption, Gesetzlosigkeit und Angst.

Es sind die Frauen, die über ihr Leid sprechen und sich nicht mehr verstecken. Die sich zusammenschließen in einer Bewegung mit mehreren tausend Mitgliedern. Die der sich verselbständigenden Gewalt tagtäglich trotzen.

Von Anfang an hatten Frauen den Mut, sich Ungerechtigkeit und Missständen zu widersetzen. Ob als Privatperson oder als Vertreterin einer Organisation, sie zahlten und zahlen mit der ständigen Angst um ihr Leben oder das ihrer Familie einen hohen Preis.

Beobachtet man die geposteten Videos und Interviews über die letzten 10 bis 15 Jahre hinweg, so erlebt man die Veränderungen dieser Frauen, bei den einen zu mehr Sicherheit, bei anderen zu mehr Resignation. Die Kehrseite: Opfern sexueller Gewalt zu helfen, wurde international zu einer Art Hype. Vor allem aus den USA, aber auch aus Belgien und den skandinavischen Ländern flossen Gelder in mehrstelliger Millionnhöhe. Sarkastisch könnte man formulieren: zu den Revierkämpfen der Milizen um die Territorien kamen die Revierkämpfe der Hilfsorganisationen.

 

Es war und ist für uns von Deutschland aus sehr schwierig, Spreu und Weizen zu trennen. Deshalb nennen wir exemplarisch nur wenige Initiativen: uneingeschränkt die Panzi-Stiftung, die eng mit Friedensnobelpreisträger Dr. Denis Mukwege zusammenhängt. Es lohnt sich, auch auf andere Gruppierungen im Ostkongo einen Blick zu werfen und sie wohlwollend kritisch zu begleiten,  z.B. Lucha RDC, eine Organisation, deren Zorn mit-fühlbar wird, wenn man ihre Bemühungen und Aktionen eine Zeitlang verfolgt.

 

Was können wir in Deutschland tun?

Das, was wir gern und viel tun: Geld spenden! An die genannten Institutionen oder kleine Initiativen, zu denen über Kirchengemeinden oder Gewerkschaften ein persönlicher Kontakt besteht. 

Leistet die Organisation „Hilfe zur Selbsthilfe“? Befähigt sie die Betroffenen, sich den Lebensunterhalt selbst zu verdienen? Bietet sie juristischen, medizinischen oder psychologischen Beistand?

Darüber hinaus gibt es sehr viele Möglichkeiten, sich jenseits von Geldspenden einzubringen:

In Sachen Konsumreduzierung und Recycling hartnäckig bleiben.

  • Bei uns selbst und bei unseren Kindern: 
  • Elterninitiativen zum gegenseitigen Ausleihen von Playstation und Co. bilden;
  • sich als Eltern absprechen in Sachen Gruppendruck und Smartphone, ganz abgesehen von Markenklamotten und was sonst „Alle in meiner Klasse“ haben…;
  • unsere Kinder so bald wie möglich mit den Hintergründen der Elektronik vertraut machen. Wer weiß, wie der Minicomputer Rasperry Pi funktioniert, kann jedes tolle Gadget entzaubern.

Es wirkt:

https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/kongoverwertung-handys-100.html  berichtet aus einer legalisierten und zertifizierten Mine. Die Arbeitsbedingungen haben sich jedoch nur unwesentlich verbessert. Aber die Angst vor den Rebellen ist verschwunden oder zumindest weniger geworden.

Doch die zwei wichtigsten Aufgaben heißen:

  • Hinsehen statt Wegschauen!
  • Bisher nicht Wahrgenommenes sichtbar machen.

Wir Soroptimistinnen vom Club Aalen haben hiermit unseren ersten Schritt getan.

Gehen Sie mit! Mit Ihren Ideen, Ergänzungen, Sprachkenntnissen!

Wir freuen uns auf Ihr Echo! www.coltan-ist-keine-zahncreme.de

 

Und hier geht es zum Podcast: https://podcasts.apple.com/us/podcast/35-coltan-ist-keine-zahncreme-projekt-si-club-aalen/id1528363402?i=1000585211910

 

Factsheet09.pdf
Adobe Acrobat Dokument 50.4 KB

Mit freundlicher Unterstützung von: